nachdenken – August 2020

" Wenn ein Mann Frauen nicht mehr schlagen darf, wird ihm Macht über ihren Körper entzogen" - Evelyn Regner, 54, Vorsitzende des Ausschusses für Frauenrechte und Gleichstellung im Europaparlament, formuliert dies in der Süddeutschen Zeitung mit Bezug auf die aktuelle Diskussion in Polen: Justizminister Ziobro beantragte am Montag regierungsintern den Austritt Polens aus der europäischen Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen und zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt.

Regner öffnet mit diesem Satz die Diskussion über einen vermeintlich überwundenen Konflikt zwischen Mann und Frau: Machtungleichheit, die sich in Ausübung von Gewalt äußern kann (und in der Gesellschaft immer noch verankert ist). Dass die Problematik besonders deutlich in der durch die Pandemie erzwungenen Enge der Häuslichkeit auftritt, überrascht nicht. In „normalen“ Zeiten erkennen wir sie immer dann, wenn Paare besonders eng aufeinander leben, also über Weihnachten oder in der Urlaubszeit.

Dieser Beobachtung folgt das „warum?“ – Regner stellt fest: „Da gerät das bestehende Machtgefüge ins Wanken - in dem sich im Übrigen auch viele Frauen eingerichtet haben.“ Noch in den 50-er Jahren galt in Deutschland das „Versorger-Prinzip“: Der Mann hat für das Ein- und Auskommen zu sorgen und die Frau kümmert sich um Küche, Kinder und Kirche - der Mann wirkt außen, die Frau innen, und in und aus diesen getrennten Welten heraus beziehen beide einen großen Teil ihrer Anerkennung, ihrer Belohnung. Für die Männer hieß das: Karriere machen, für die Frauen: die Kinder gut, fromm und für die Gesellschaft brauchbar erziehen, es dem Ehemann schön machen, geduldig mit ihm sein und ihm ihren Körper zur Verfügung stellen. Die Anerkennung kam aus dem Mundes des Mannes (oder auch nicht) und wurde in der Familie beklatscht. Die Beschreibung mag holzschnittartig sein, vielleicht sogar karikierend.

Aber man sieht in der Überspitzung, wie sehr sich Welt und Machtgefüge gewandelt haben. Heute geht der überwiegende Teil der Frauen arbeiten und setzt auf eine „kooperative Beziehung“. Dies gelingt mehr oder minder gut, denn die verinnerlichte (meist aus den Erfahrungen in der Herkunftsfamilie gespeiste) Sicht ringt insbesondere in den Männern mit dem jetzt von ihnen Erwarteten. Wir wissen, dass Menschen in Krisenzeiten als Strategie gegen Ängste auf Bewährtes zurückgreifen. Dass traditionelle Rollenmuster in der als schwierig erlebten Coronazeit wieder Einzug halten, mag sich auch daraus erklären.

Hinzu kommt folgender circulus vitiosus: weil die „außerhäusliche“ Anerkennung für die Männer fehlte, suchten sie umso intensiver nach innerhäuslicher Bestätigung. Wenn sie ausblieb, dann war der Frust groß und ebenso die Aggression. Was wiederum für die Anerkennung schädlich war. Der Anstieg der häuslichen Gewalt seit März 2020 belegt dies.

Es mag ein Zeichen unserer als verunsichernd erlebten Zeit sein, dass traditionelle Modelle generell wieder in Mode kommen (bei täglichen User*innen der sozialen Medien besonders intensiv), schließlich gelten sie als Garanten für stabile (Grund: Frauen hatten kein eigenes Einkommen) und langandauernde (Grund: Frauen wurden bei Scheidungen gesellschaftlich geächtet) Ehen. An diese Ehe-Erfolgsfaktoren denken vielleicht auch die polnischen Kirchenvertreter, die die Forderung nach einem Ausstieg aus der Istanbul-Konvention massiv unterstützen.

Die letzte Frage lautet: wer profitiert davon? Natürlich immer die, die in der Machtpyramide oben sind. „Es geht um Ideologie. Denn eigentlich gibt es keinen demokratischen Staat auf der Welt, der dagegen sein könnte, Frauen vor Gewalt zu beschützen. In die Istanbul-Konvention wird aber aus ideologischen Gründen etwas hineininterpretiert, was dort nicht drinsteht - Genderfragen.“, so Regner. Und da geht es wirklich um viel, auch und gerade in unserer katholischen Kirche. Denn mittlerweile wird ganz offen in den Gemeinden, und nicht nur von Maria 2.0, die Schizophrenie benannt: hier Jesus, der sich immer wieder gegen die Unterdrückung von Frauen stellt und dort die Amtskirche, die Frauen (von allen Ämtern) ausschließt. Hier der Beifall der Bischöfe für die freiheitlich demokratische Grundordnung, dort der permanente Verstoß gegen die Grundrechte.

„Ich finde es unerträglich, wenn sich Kirchen gegen die Konvention wenden.“, sagt Regner – ich kann das nur unterstreichen - und möchte ergänzen: wir müssen uns noch viel offensiver positionieren, wenn katholische Kirche in diese rückwärtsgewandte Richtung diskutiert und die Schizophrenie beibehält . Würde heißt, unabhängig von Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion, politische oder sonstige Anschauung, nationale oder soziale Herkunft, Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, Vermögen oder Geburt diskriminierungsfrei leben zu können. Sich dafür einzusetzen, heißt für mich Nachfolge.

Karlheinz Heiss
Diözesanvorsitzender

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